Tanzen wir den Plankentango!

So spielen wir die Reise nach Tortuga jeden Tag,
wir rudern um die Wette bis kein Muskel mehr noch mag!
Bei Tisch gibt’s schimmlig’ Wasser und ein kleines Schälchen Brei
und der letzte Platz ist nur im großen Kupferkessel frei!

Veröffentlicht unter Eventgefahr!, Pogo | 104 Kommentare

Herz entflammt

Ich hab’ die falschen Bücher gelesen. Scheiße, da sind einerseits die Bücher, die dir abstrakte Geschichten von fernen Welten erzählen, die dich erquicken und beglücken mögen, in die du dich träumen kannst, aber die scharf getrennt von deiner Wirklichkeit sind. Andererseits gibt es noch jene, die von den Abenteuern in dieser schönen Welt erzählen und das sind die gefährlichen. Was in dieser Welt denkbar ist, ist noch lange keine Realität, aber wenn die Sehnsucht erst einmal geschürt ist, neigt der Mensch dazu, für einen aberwitzigen Traum alles über Bord zu werfen. Nur weil er sein verdammtes eigenes Leben nicht zu schätzen weiß und dem verführerischen Gedanken anheimfällt, tausend Leben leben zu wollen. Doch die Realität dessen, Sigfried, die Realität ist so schrecklich wie schön.

Ich war selbst so ein Idiot, der sich den Kopf unveränderlich verdrehen ließ. Meine Mutter kommt gebürtig aus Cambridge, mein Vater aus Danzig und ich aus einem guten Elternhaus, in dem mir der preußischen Leitmoral gleich die Erfolgsformel fürs Leben eingebläut wurde: Arbeite hart, dann bringst du’s zu was! Ich begann ein Studium des Wirtschaftsingenieurswesen, doch bekam ich, einmal ausgezogen, bald “Das purpurne Land” sowie ausgewählte Werke von Borroughs und Bukowski in die Finger und ich entdeckte so viel Wärme, zwischenmenschliche Wahrheit und Sehnsucht in diesen Seiten, dass sie mich mein ohnehin ödes Studium vergessen ließen. Ich wählte Rotwein und leichte Mädchen als Begleiter denn Vorlesungen und Fachzeitschriften, ich schmiss es letztlich. Vom Studium übrig blieb nur der Leberschaden. Wenn ich jetzt auf der Parkbank, dieser wunderbaren Parkbank zwischen Wismarplatz und Weserstraße sitze und das nächtliche Treiben beobachte, frage ich mich manchmal, wo es jetzt hingeht. Und ich habe keine Ahnung.

Ich glaube an das zeitlose Miteinander, das die Welt erst reich macht, und ich ertrage das Geschwätz der ganzen Windbeutel nicht, die mir sagen, was ich zu tun und zu lassen habe. Ich stecke mein Interesse an der Welt nicht in ihren verlogenen Arsch, also können sie auch meinen zufrieden lassen. Neulich bin ich mit ‘ner Rothaarigen abgestürzt, einer echten Rothaarigen, ich konnte mich überzeugen, und mit ihr drei Tage und Nächte nur mit Wodka durch die Stadt geirrt, um sie kennenzulernen. Wir hatten die Zeit und es war heiß. Sie erzählte mir, sie habe Angst, doch sie könne nicht sagen, wovor. Die verdammte Angst einer gefangenen Generation zwischen Wohlstand und Leistungsdruck, zwischen weisgemachtem Bulimielernen und konstruierten Schönheitsidealen! Sie sagte, es sei vermutlich die einfache Angst, nicht zu wissen, wohin man gehöre, und nicht zu wissen, ob man sich seine Freiheit trauen darf. Ich habe sie nach diesen drei Tagen nie wieder gesehen, vielleicht reist sie mittlerweile zwischen den Hauptstädten hin und her und sucht ihr Glück, vielleicht hat sie sich aber auch aufgehängt, für möglich halte ich beides. Zusammen sind wir in ein Freibad eingeschlichen und auf den Zehnmeterturm geklettert, um die Aussicht zu genießen, das Geld für die Siegessäule war uns zu viel. Rein gedanklich ist es schließlich nicht einfach auszumachen, was man in so einer Nacht alles sehen kann.

Alle Welt redet von dem verdammten Glück, aber Glück ist kein immerwährender Zustand, Glück ist eine Seltenheit in der Vollkommenheit aller relevanten, zufälligen Umstände. Arbeite hart, dann bringst du’s zu was!, Scheiße ja, ich gebe den Preußen oder zumindest meinem Vater Recht. Aber woran du arbeiten sollst, das gilt es zu hinterfragen. Wieso nicht mit ‘nem Tripper, aber glücklich nach Hause kommen, als nie unterwegs gewesen zu sein?

Ich bereue, aber ich bereue nicht viel. Und ihr?

Euer Iggy

Veröffentlicht unter Ach, Leben!, Alltagsphänomene, Blickwinkel | 46 Kommentare

Den Wolken näher

Ist deine Seele filmreif? Würdest du zu dir ins Kino gehen?

Ignitius hier, kurz Iggy. Es ist passiert. In der Wolkendecke sah ich heute Morgen, als ich mich aus dem Erbrochenen wälzte, Gesichter und Gestalten, die mich zu sich riefen. Scheiße, ein Film hat sich auf meine Netzhaut gelegt; ein salziger Film voll elender Szenen meines gescheiterten Lebens, Szenen der Erinnerung, die in den eindringlichsten Farben gemalt waren. In der letzten Zeit sind die Tage und Wochen grau gewesen wie die Betonklötze der Berliner Plattenbaugegenden. Ich hatte in den jüngeren Wochen kaum eine Farbe mehr wahrgenommen, die Häuser, die Umwelt, die Straßen, die Menschen, die Tage, alles war gleich geworden. Doch diese Gesichter in den Wolken, die waren neu! Eure Götter haben mich nie interessiert, aber jetzt in diesem Moment schienen sie zu mir zu sprechen. Als ich mich aufrichtete und in den Himmel starrte, den aufziehenden Sturm sah, habe ich einen Lebensfunken in mir wiedergefunden, den ich längst erloschen glaubte. Deshalb… werde ich mein Leben jetzt reflektieren, aufschreiben und genießen. Meine Bruchbude soll nicht länger darben.

… ich glaube, es war die Endlichkeit, die ich gesehen habe.

Und wieviel Zeit vergeudest Du, weil Du Dich an Deine Grenzen krallst,
statt dass Du Deine Leidenschaft in zwei verliebte Fäuste ballst.

Veröffentlicht unter Alltagsphänomene, Blickwinkel | 41 Kommentare

Musik, die Leben rettet (13)

Veröffentlicht unter Musika | 2 Kommentare

Die hässliche Stieftochter Lichtenbergs

Neulich beim Radfahren ward sie gesehen, einsam und unverstanden giftet sie wieder!

Es ist kein schöner Anblick: Anlässlich des Europawahlkampfs kommen die Schergen aus ihren Löchern, ungeliebt und in sich selbst bestätigender Herablassung zeigt die NPD nun wieder ihre Fratze auf Plakaten an Häuserwänden, Laternen und Strommasten. Diese kommen nicht von ungefährt dorthin – unlängst durften Lichtenberger Bürger beobachten, dass die “Nationaldemokraten” einen vielleicht doch einigermaßen fähigen Imageberater haben könnten, da die Fußsoldaten, die unterwegs waren, um der Gesellschaft ihre debile Weltanschauung darzubringen, von vor-vorgestern zu sein scheinen – astreine Klischeenazis gibt es noch! Der geneigte Beobachter war selber überrascht zu erkennen, dass die reaktionären Hinterwäldler auch in der modernen Großstadt unterwegs sind. Wer also in Zukunft im Spaße über den Bomberjacken-Springerstiefel-Typ mit der tätowierten 88 auf dem Hinterkopf herzieht, kann sich sicher sein, dass er kein überkommenes Klischee bedient. Traurigerweise.

Lustigerweise scheinen der NPD auch in diesem Wahljahr keine neuen Inhalte eingefallen zu sein, als da wären: Intoleranz (“Maria statt Scharia”), Rassismus (“Geld für Oma statt für Sinti und Roma”), Landser-Romantik (“Wehrt euch!”) und Deutschtümelei (“Arbeitsplätze statt Asylflut”). Das wird dann noch mit inhaltsleeren Phrasen wie “Zukunft statt Arbeitslosigkeit” garniert, die aber selbstverständlich auch nur für blonde, blauäugige Mädchen und Jungen gelten sollen, deren schweres Schicksal ironischerweise schon durch Eltern, die ihre Kinder für solche Plakate hergeben, determiniert ist. Wen schert schon Freiheit und Bildung!

Die ollen Nazis können einem fast leid tun, die wie das Einzelkind, unverstanden von der gemeinen Welt da draußen, Schwierigkeiten haben zu teilen und zu begreifen, dass sie nicht alleine der Mittelpunkt unter der Sonne sind, was als Einstellung schließlich schon vor ziemlich genau 100 Jahren schwer in die Hose ging.

So etwas passiert offenbar, wenn man in der Elternrolle seine Komplexe nicht im Griff hat.

 
Tipp für heute: Nationalisten mal wieder Pfandbons schenken, den armen Würsten.

Veröffentlicht unter Blickwinkel, Politik | 60 Kommentare