Zwischen Ziel und Wunder

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Eines Tages machte sich ein kleines Mädchen auf, um seinen Bruder im Wald zu besuchen. Er lebte dort und sie sah ihn nicht oft, hatte ihn aber ganz außerordentlich lieb. Als sie an diesem Morgen realisierte, dass sie ihren Bruder ein ganzes Jahr nicht mehr gesehen hatte, wuchs ihr als größter Wunsch, ihn zu sehen und mit ihm zu spielen. Also stand sie in aller Herrgottsfrühe auf, schmierte sich ein paar Stullen und schlug den Weg in Richtung des Waldes ein.

Als sie am Dorfrand stand, prüfte sie noch einmal alle wichtigen Utensilien: Waldkarte, Taschenmesser, Wegzehrung, – alles da! Bis zur Abenddämmerung sollte sie wieder zu Hause sein, ihrer Mutter hatte sie eine Nachricht geschrieben. Voll freudiger Erwartung ging sie so auf den Waldrand zu, die hohen Tannen, Eichen und Birken ragten hoch empor und warfen ihren langen Schatten voraus und jagten einen angenehmen Schauer über ihren Rücken. Sie stockte kurz, dann war sie vom Wald verschluckt.

Den Pfad von hier aus zu finden, bereitete ihr keine Schwierigkeiten, sie kannte ja den Weg zu ihrem Bruder, auch wenn sie ihn lange nicht mehr gegangen war. Es kribbelte unter ihrer Haut. Alleine war sie noch nie hier gewesen! Sie schaute verzückt zwischen den Stämmen hindurch zur Sonne hinauf, deren Strahlen mystisch durch das Dickicht der Bäume drangen. Vögel sangen über ihr, ein paar Eichenhörnchen stritten auf einem Ast um ein paar Eicheln und die Morgenfeuchtigkeit tropfte noch von den saftig grünen Blättern. Weinbergschnecken mit Häusern jeder Farbe beanspruchten mit einem Krötenchor einen Stumpf neben ihr für sich, während daneben tausende Ameisen ihr Bauwerk vervollständigten. Wohin das Mädchen auch sah, es wimmelte geradezu von Faszinosa verschiedenster Art.

Eigentlich müsste sie bloß den Pfad immer weiter geradeaus gehen, um zu ihrem Bruder zu finden. Doch die Neugierde ließ sie in Unentschlossenheit verharren. So eilig hatte sie es ja nicht, und es gab so viel zu entdecken. Wollte sie all die spannenden Dinge erst einmal erfassen? Sie schaute auf den verschlungenen Pfad, dann, oh, abseits standen zwei Rehe, die einander zärtlich berührten! Sie schlich zu ihnen hin, um sie genauer sehen zu können, doch sie trat auf ein kleines Ästchen, sodass die Rehe scheuten und flohen. Das Mädchen lief ihnen ein paar Meter nach, aber bemerkte bald, dass es aussichtslos war. Mit einer Schnute drehte sie sich wieder herum. Der Pfad lag nun etwa ein Dutzend Meter vor ihr. Sie wollte gerade zurück zu ihm gehen, da bemerkte sie eine wunderschöne Lichtung, auf der eine Handvoll Karnickel grasten. Jauchzend lief sie zu ihnen und verschreckte auch sie. Das Mädchen seufzte. Aber nun gut, sie wollte ohnehin zu ihrem Bruder gehen. Sie spähte just nach dem richtigen Pfad und wollte gerade gehen – als sie jäh wieder stoppte. Ein Regenbogen! Ein Regenbogen, der ganz in ihrer Nähe zu enden schien. Sowas! Sie wusste, was man sich erzählte. Es sollte einen Topf Gold am Ende eines Regenbogens geben. Sie dachte immer, das seien Ammenmärchen, doch wann, überlegte sie erregt, hatte sie schon einmal die Möglichkeit, es zu überprüfen…?

Stunden waren verstrichen. Immer noch war kein Ende eines Regenbogens zu sehen. Ihr Bäuchlein rumorte. Die Brote hatte sie bereits verschlungen, als sie enthusiastisch angefangen hatte, das Ende zu suchen. Die Hitze dieses Mittsommertages trieb ihr den Schweiß auf den Stirn, selbst hier im Wald. Sie überlegte, sich auszuruhen, doch der wieder aufkommende Hunger trieb sie dazu, den Pfad zu ihrem Bruder zu suchen, der sie bewirten würde; inzwischen dachte sie weniger an ihn als an ihren knurrenden Magen. Sie musste ihren Bruder nur finden. Ihre Karte war hilfreich gewesen, solange sie noch eine Orientierung gehabt hatte. Jetzt musste sie leider erkennen, dass sie etwas zu hektisch im Wald herumgelaufen war. Ihr Kinn sank auf ihre Brust, sie wusste nicht weiter. So stand sie eine ganze Weile da, atmend, zu Boden schauend, um sie herum all die Wunder der Natur, die sie inzwischen mehr verwirrten denn faszinierten. Wie sollte sie den Pfad finden? Irgendwann blickte sie mit trauriger Miene auf, wählte eine beliebige Richtung und trottete drauflos.

Es war zum Verzweifeln. Wieso konnte sie den Pfad nicht mehr finden? Ihre Mutter hatte ihr immer gesagt, sie solle nicht allein in den Wald gehen, sie solle dies und das tun; aber es war so eine Verlockung gewesen, ihrem eigenen Instinkt zu folgen. Mutters Ratschläge waren immer so lebens- und interessenfern, so öde. Doch sollte sie womöglich Recht behalten? Verzagt blickte sie zum Himmel. Die Sonne sank bereits in den Schoß der Nacht.

Ihre Knie schlotterten. Es war dunkel geworden und das Mädchen hatte aufgehört, den Pfad, der auch zurück zu ihrem Zuhause geführt hätte, zu suchen. Sie hatte sich an einen nahen Baumstumpf gelehnt, die Beine dicht an den Körper gezogen und umschlungen. Inständig hoffte sie, dass ihre Mutter inzwischen nach ihr suchte, sie fand, nach Hause brachte und einen heißen Tee kochte, während sie sie ausschimpfte. Doch Mutter kam nicht. Stattdessen hörte und spürte sie die Natur des Waldes; die Käfer, die Spinnen, das lüsterne Streicheln des Windes auf ihrer Haut. Aus den Faszinosa waren Ungeheuer geworden.

Eine Träne kullerte über ihre Wange.

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21 Antworten auf Zwischen Ziel und Wunder

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