Begegnungen aus dem Leben

np: Die Toten Hosen – XTC

Wenn keiner dir, vom Leben verloren und vergessen, Interesse entgegenbringt, dann verschließt du dich womöglich vor der Gesellschaft – oder du gehst selbst zu ihr hin.

Heute Morgen bin ich zwischen seriösen Pinkeln und armen Verrückten aufgewacht und konnte nicht sagen, wessen Gesellschaft mir lieber war. Nachdem ich mir den Schlaf aus den Augen gerieben hatte, entschied mich für die Verrückten. So wandte ich mich im Bahnhof anstelle von Crobac an das Billigcafé nebenan, das neben Brötchen und Croissants Kaffee und Schnaps als Doppelpack besonders günstig anbot, und trank meinen Kaffee im Hinterzimmer, wo die Verruchten Bier tranken und eine arme Seele Kontakt suchte.
Ich stand an der Wand, hatte Bukowski aufgeschlagen und sah im Augenwinkel, wie jene sich vor die beschäftigten Leute stellte und sie stumm anstarrte. Es hat etwas Bizarres, wenn ein verirrter Geschäftsmann – vielleicht sollte ich eher sagen: Geschäftemacher – und die ungewaschene Vergessene voreinanderstehen, sie ihn fixiert und er seinen Blick angestrengt in die Ferne gerichtet hat und so minutenlang verharren. Schließlich kam sie zu mir.

“Servus.”
“Das ist aber ein großer Rucksack.”
“In der Tat.”
“Sie wollen weit verreisen?”
“Ach, gar nicht so sehr, eigenlicht nicht weit, vielmehr etwas länger.”
“Wohin denn?”
“Nach Göttingen.”
“Ach, da war ich auch schonmal.”

Ich wusste nicht, was ich reden sollte, und mir war auch nicht danach. Ich wollte meinen Kaffee trinken und mein nächster Zug fuhr gleich. Andererseits hatte sie, wenn ich wollte, bestimmt eine interessante Geschichte aus dem Leben erzählen können, eine von jenen Geschichten, die es zu Hauf gab, eine, der man oftmals aber lieber nicht seine Aufmerksamkeit schenken möchte. Die Geschichte eines traurigen Geistes der Gesellschaft.

So sagte auch ich bloß:
“Ah. Nehmen Sie’s mir übel, wenn ich jetzt weiterlesen möchte?”
“Nein nein, wieso auch.”

Höflich war sie. Und so zog sie von dannen und gesellte sich zu einem freundlichen Rentner, mit dem sie eine ganze Weile reden konnte. Das freute mich.

 
Tipp für heute: Mit’m Obdachlosen mal ‘n Kasten trinken.

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