Der Himmel so dunkel

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Die Zeit ist mir kurz, der Himmel scheint mir dunkel. Einst war ich ein fröhlicher kleiner Junge, ich war neugierig auf die Welt und habe mich stets dort schüchtern herumgedrückt, wo etwas meiner Meinung nach Spannendes stattfand. Aber irgendwie sind mir die leichten Tage abhandengekommen und ich frage mich – haben sie je existiert? Jetzt zieht sich ein dunkler Faden voll Zwietracht und Misstrauen durch mein Leben, er spannt sich von der Wurzel in mein Kontrollzentrum hinauf und ich kann nicht davon ablassen, wie eine Katze das Wollknäuel weiterzurollen, um zu sehen, was an dessen Ende ist.

Gestern Nacht verließ ich aus das Haus. Ein schweres Gewitter an diesem mondlosen Abend drohte, dem Ort eine Klatsche zu verpassen, doch das bemerkte ich nicht und es hätte mich auch nicht gekümmert. Unfähig, der Stille in meinem Wohnzimmer standzuhalten, ging ich hinaus, irgendwohin, um mich nicht selbst zu sehen. Der Sturm tobte schon und ich hielt meine Nase in den Wind; meine Neugierde war mir gewissermaßen geblieben. Während kleines Gestein und der Dreck der Gasse um den Saum meines Mantels flogen, verschlug es mich in die Richtung der kleinen Taverne “Zum Krug” am Ende des Dorfes. Meist mied ich diese Proletariatsgaststätte, Stammtischparolen, anzügliche Witze und in die Jahre gekommene Prostituierte zogen schnell die Reißleine meines ohnehin schon gespannten Nervenkostüms. Doch teilte ich eine Leidenschaft mit den Menschen aus der Kneipe, denn ich etränkte meine Sorgen und mich ebenso gerne in großen Bierkrügen. Ohne festen Plan lief ich also auf die heruntergekommene Wirtschaft zu.

“Serg, ‘n Großes bitte.”
“Gleich, Pitz.”
Ich nahm am Tresen platz. Silvana stand an der Jukebox und war enganliegend gekleidet wie eh und je. Bei zahlreichen Gelegenheiten hatte ich sie abgewehrt. Eule saß in einer Ecke und brabbelte vor sich hin und ein weitgehend Unbekannter, ich wusste nur, er arbeitete als Möbelpacker, spielte alleine Billard. Was soll’s, dachte ich. Als Serg mir mein Bier hinstellte, erbat ich noch zwei Schnäpse und ging zu ihm hinüber.
“Korn?”
“Gerne. Billard?”
“Gerne.”
Wir spielten, ich war aus der Übung. Ich verlor und ich verlor wieder, wir redeten nicht viel und tranken umso mehr. Irgendwann tranken wir Jägermeister, weil mir der Korn zu warm war. Ich verlor jedes Spiel, den Kneipenregeln zufolge bezahlte also ich das Hochprozentige. Wir waren beiden irgendwann sehr betrunken.
“Wusstest du, dass das Zeug früher Göring-Schnaps genannt wurde? Hat mir mein Vater erzählt, der hat noch gedient. Damals bei der SS, als das Leben noch geregelt war.”, sagte er zu mir. Erwin hieß er. Da war es wieder. Konnte er nicht seine Schnauze halten und Billard spielen?
“Hab’ ich gelesen. Der Chef war wohl Opportunist, hat seine Nase schön in den Wind gehalten.” Mir fiel ein, dass ich das heute ja auch getan hatte. Ich kicherte.
“Und sieh’, was es ihm genutzt hat!”
Ich verzog die Mundwinkel. Reichtum mag ja klasse sein.
“Muss wohl Ärsche küssen, um erfolgreich zu sein.”
“So sieht es aus.” Erwin kicherte, wir stießen an und ich war froh, das heikle Thema erst einmal verdrängt zu haben.

Ich weiß nicht mehr, wie der Abend ausging. Er endete, wie so viele Abende endeten. Eule wurde sicherlich hinausgeworfen, als er wieder einmal anfing, Tierlaute nachzuahmen und zu erzählen, sein Sohn sei dabei, Kanzler zu werden, Erwin und ich wurden vermutlich noch von Serg auf ein paar amerikanische Whisky eingeladen und irgendwann, das war sicher, habe ich in ein Blumenbeet gekotzt. Meine Erinnerung setzt da wieder ein, als mir, klatschnass, vor meiner Haustür vage bewusst geworden war, wieder einen Abend verschwendet, wieder einen Abend überwunden zu haben.

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