In der Kirche von Unten

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Ich ging hinein, letzthin fühlte ich dabei nichts Schlimmes. Einst, als ich ein geordnetes Leben führte, hätte ich mir dies selbst versagt und verweigert und meine Gefühle ignoriert. Ich hätte davor gestanden und den neugierigen Schauer des Unbekannten gespürt, aber ich wäre nicht eingetreten. Ich schätze, ein mir damals unbewusstes Gefühl diffuser Angst vor Kontrollverlust, das mir zuzuordnen zu kompliziert erschienen war, hätte mich abgehalten. Angst auch vor körperlichem Verfall und Bloßstellung in dieser Gesellschaft von dunklen Gestalten und verkommenen Halunken.
Mein psychischer Schmerz, an dem Herz und Kopf krankten, war mir nie aufgefallen. Eine Freundin, die mich nicht liebte, Freundschaften, deren Wert in gegenseitiger Beweihräucherung lag, und eine Arbeit, die mich gegen meine eigentliche Moral beschäftigte, – das war mir als notwendiges Übel erschienen. Bis zu jenem Tag.
Ich las es bereits in seinem Gesicht, als mir ein so genannter Freund gestand, ein Verhältnis mit meiner so genannten Liebe zu haben. Dass er es bereue und ihm so viel an meiner Freundschaft liege, das sagte er mir. Aber ich las es in seinem Gesicht, der Zeitpunkt war nicht zufällig, es war nicht diese Erkenntnis, die ihn den Moment wählen ließ. In seinem Gesicht stand, es war ihm langweilig geworden mit ihr. Der Ekel kroch in mir hinauf als ein langsamer, unaufhaltsamer Brechreiz. Wäre der so genannte nicht ausgewichen, ich hätte ihm ins Gesicht gekotzt. Das war der Anfang.

Am Ende taumelte ich durch die dunkle Stadt. Diese große Stadt in ihrer Anonymität und mit ihren Inseln der Hoffnungsvollen, die den Suchenden Asyl bieten, um ihrer eigenen Einsamkeit zu entkommen, um zusammen traurig zu sein. Stundenlang irrte ich im Bestreben durch die Straßen zu finden, was mein Herz zu finden gedachte. So landete ich im Kellereingang der Kirche von Unten. Die Schauergestalten fest im Augenwinkel befand ich, dass mein unterdrücktes Seelenleid in keinem Verhältnis zu meiner diffusen Angst stand, denn was gab es für ein größeres Elend zu befürchten als mein eigenes Leben, meine starren Alltagsmuster und meine Kontrolle, derer ich früher so stolz gewesen war. Ich trat ein.
Meine Sinne wirbelten den Nebel in mir auf. Gestank und Krach strömten in mich, als ich erst den Gang und dann die Haupthalle betrat. Der Schimmel grüßte von der Decke, das Licht war spärlich dort unten und die Schatten weit. Doch obwohl die Wände karg waren, fühlte ich keine Leere. Auf der Bühne stand ein Mädchen, kaum größer als mein linkes Bein, das sang, das schrie. Es verausgabte sich genauso wie sein knochenrasselndes Orchester. Zusammen befeuerten sie eine tanzende Schar schwarz Gekleideter und entwickelten einen Sog, dem sich niemand dort erwehren konnte. Ich weiß nicht mehr, von wem ich den ersten Humpen Bier bekam und die folgenden. Ich weiß nur, dass meine Skepsis einer selten gespürten Lust wich. Alle Dämme brachen, alles verschwamm. Ich erkannte mich schließlich inmitten dieser Glückspiraten wieder, als ich mit ihnen tanzte und Momente der Ewigkeit teilte. In diesen Momenten waren wir vereint. Nicht vereint in der Liebe zur Ordnung, zum guten Leben, sondern in der Sehnsucht und dem Verlangen, am Leben nah dran zu sein. Wir tanzten und tanzten, und erwachte ich auch am nächsten Morgen wieder vor dem Menschenfeind, so wusste ich, ich würde weitertanzen, im Alltag, auf Arbeit, überall.

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